Neue Erzählungen



 

Heroes

Der Rausch

Weiteres folgt ...

Der Musikstudent

Die Graffitis auf dem zerbröselnden Ziegelsteinen rufen nach Hilfe für den alten Bahnhof. Ein herabhängender Fensterladen klappert im Wind, Holzlatten verschließen die Türen und ein schiefer Bauzaun umringt das Gebäude. Fehlt nur noch das Quietschen eines heruntergekommenen Windrades, denkt Vincenz und er erinnert sich an einen Western aus Italien. Er zieht seinen Kopf zwischen die Schulterblätter. 
Der Triebwagen, mit dem er gerade angekommen ist, sucht mit brummenden Dieselmotoren das Weite. Eine ältere Frau an dem Gleis gegenüber beobachtet ihn. Dieser unbekannte Mann mit langen Haaren, Zopf und Bart kommt ihr wohl reichlich verdächtig vor. Vincenz schultert seinen Rucksack und geht über den Bahnsteig, dessen Teerdecke von Unkraut zerfressen wird, sucht den Ausgang und erreicht die Bushaltestelle auf dem Vorplatz. Ein Blick auf den Fahrplan verurteilt ihn zu 45 Minuten Wartezeit, ehe der Bus ins nächste Dorf abfährt, dorthin, wo er heute erwartet wird. 

Der Musikstudent

Teil 2

Vincenz schaut sich um. Hinter ihm reihen sich Felder an Felder, die entweder verblühten Raps tragen oder Mais nach oben schießen lassen. Weit dahinter, im blauen Dunst der Nachmittagssonne, schimmert das dunkle Band eines Waldgebietes. Davor sollte das Dorf liegen. Hunderte von Zigarettenkippen umringen die Metallsitze der Haltestelle, ein Hinweis für ihn, dass es hier Menschen geben soll. Aber zur jetzigen Stunde döst alles in der Sonne: die Fahrräder am Bahnhof und die wenigen Autos davor, die auf ihre Heimfahrt warten. Ein Traktor zieht einen Anhänger voller Gülle an Vincenz vorbei, die Frau in der klimatisierten Fahrerkabine prüft mit einem Blick die fremde Gestalt dort unten an der Haltestelle. Dann lenkt sie das Gespann auf das Feld gegenüber. Der Geruch nach Schweinestall kriecht in seine Nase. Er überfliegt noch einmal die Beschreibung des Dorfes, das für vier Monate sein Zuhause sein wird. Morgen startet der Unterricht bei Pfarrer Hansen, einem ausgewiesenen Kenner alter geistlicher Musik. Kost und Logis muss sich Vincenz in der evangelisch-lutherischen Gemeinde selber verdienen, das bedeutet Orgelbegleitung in den Gottesdiensten oder Klavierspielen bei Seniorenabenden. Wohnen wird er im Pfarrhaus, so wie alle seine Vorgänger.
Die Zeiten zwischen Unterricht und Pflicht plant er für eigene Kompositionen zu nutzen, das hat er sich fest vorgenommen. Hier in der Abgeschiedenheit auf dem Land wird es ihm leichter fallen, die Musik zu erschaffen, von der er schon lange träumt und eines Tages will er vom Komponieren leben können. Vielleicht gelingt es ihm bis zu seinem 24. Geburtstag, eine kleine Miniatur aufs Papier zu bringen und diese seinen Freunden und vor allem seiner Emma vorzuspielen. Bei den Gedanken daran wird ihm warm und am liebsten würde er sofort zu seinem Notenpapier greifen. Wieder passiert ein Traktor die Bushaltestelle und neugierige Blicke treffen aufeinander, die von Vincenz und die des Fahrers.

Die beiden vorderen Türen des Busses schließen sich zischend hinter ihm. Vor ihm, auf dem Dorfanger, erinnert sich ein Kriegerdenkmal an die Fehler der Vergangenheit. Die Häuser rund um den Platz dösen in der Nachmittagssonne, aber Vincenz entdeckt die kaum wahrnehmbare Bewegungen der Gardinen an den Fenstern. 
„You never walk alone“, singt er leise. Er nimmt den Weg an der Straße entlang Richtung Dorfkirche, die mit ihrem hölzernen Glockenturm den Weg zum Allmächtigen zeigt. Kurz davor, auf der anderen Straßenseite, liegt das Pfarrhaus, ein Fachwerkbau aus dem 19. Jahrhundert. Dahinter erstreckt sich ein geräumiger Hof mit Lagerhaus und Stall, der zu einer Garage umfunktioniert wurde. 
Zu Vincenz Überraschung öffnet ihm eine junge Frau, deren kurze Haare ihrem Gesicht etwas Draufgängerisches verleihen.
„Äh …, ich bin Vincenz, soll mich vorstellen … .“ Sofort ärgert er sich über seine unbeholfenen Worte. „Also, guten Tag, ich heiße Vincenz Bartels und bin hier, um morgen meine Ausbildung bei Herrn Pfarrer Hansen anzutreten.“
Die junge Frau lächelt. „Und ich bin Sophie, seine Tochter, die schon länger ein Praktikum bei Herrn Pfarrer absolviert.“
„Wer ist denn da?“, ruft es aus einem der Zimmer im Haus.
„Der Neue ist gerade angekommen!“ 
Sophie bittet Vincenz mit einer kurzen Handbewegung in den geräumigen Flur, führt ihn an eine Tür mit der Aufschrift „Amtszimmer“ und klopft an.
„Herein!“
Sophie atmet tief durch und betritt mit Vincenz den Raum. Es riecht nach alten Akten und frischer Farbe. Der Herr Pfarrer arbeitet an einem klobigen Schreibtisch und hebt seinen Blick von dem Schriftstück vor ihm. Er muster seinen Gast von oben bis unten. Auf seinem Nasenrücken bildet sich eine steile Falte zwischen den buschigen Augenbrauen. 
„Aha, Sie sind also der neue Student, Sie sehen mir gar nicht nach einem Musikliebhaber aus. Haben Sie Ihre Unterlagen dabei? Und Sophie, du kannst gehen.“ 
Vincenz kramt seine Dokumente aus dem Rucksack, reicht sie dem Pfarrer, der sie wegen ihrer Knicke und Falten fast widerstrebend in Empfang nimmt und diese sofort studiert. Vincenz schaut sich um. Grüne Tapeten und hellbraune Balken verleihen dem Amtszimmer die nötige Würde, in den hohen Regalen an den Seitenwänden warten Amts- oder Kirchenbücher darauf, ihr Wissen weiterzugeben - wohl geordnet wie eine Kompanie Langer Kerls. Blumen auf den Fensterbänken lockern die Strenge des Raumes auf, genauso wie das Foto zweier lachender Kinder an der Wand hinter dem Schreibtisch. Der Pfarrer scheucht ihn mit einem Schnaufen aus seinen Gedanken. 
„Herr Bartels, Ihre Papiere sind in Ordnung. Gehen Sie nun zu meiner Tochter, Sie finden sie in der Küche. Sophie wird Ihnen Ihr Zimmer und auch Haus und Hof mit den Ihnen zugänglichen Räumen zeigen. Zur Tagesordnung: Frühstück zwischen sechs und sieben Uhr, das Mittagessen steht Punkt 12 Uhr auf dem Tisch, das Abendbrot um 18 Uhr. Manchmal backt Frau Bürger, unsere Haushälterin, einen Kuchen, dann haben Sie Glück. Sie werden sie morgen kennenlernen, heute hat sie ausnahmsweise frei.“
Er schaut ihm direkt in die Augen. „Und vorab, aus leidvoller Erfahrung mit Ihren Vorgängern: Meine Tochter ist schon vergeben, halten Sie sich daran, andererseits breche ich den Unterricht sofort ab und Sie können wieder nach Hause fahren. Ich hoffe, Sie verstehen mich. Und noch etwas. Behandeln Sie in Zukunft Ihre Dokumente vorsichtiger, das kann Ihnen nur von Nutzen sein.“ Mit diesen Worten überreicht er die Unterlagen mit spitzen Fingern an seinen neuen Studenten.  
Vincenz findet die Küche und Sophie, die am Tisch in einem großformatigen Buch mit Schwarz-weiß Fotografien blättert. 
„Wie ich sehe, sitzt dein Kopf noch an der richtigen Stelle.“ Sie lächelt Vincenz an. „Und übrigens, kannst Sophie zu mir sagen.“ 
Sie klappt das Buch zu und erhebt sich. „Bitte folgen. Zuerst zeige ich dir die Abstellkammer, in der du wohnen wirst. Mit einem anderen Wort kann ich dein Zimmer da oben unterm Dach leider nicht bezeichnen.“ 
Beide nehmen die Treppe in den ersten Stock. „Hier direkt vor dir hinter der Tür, liegt ein Badezimmer, nur für dich. Und jetzt hoch unters Dach.“ Sophie zeigt auf eine schmale Stiege, die gegenüber unters Dach führt. „Nach dir“, und Vincenz steigt hinauf. Sein erster Blick erfasst Bettlaken, die auf langen Leinen vor sich hin trocknen. „Tut mir leid, aber gestern hat es wie aus Eimern gegossen, da blieb mir nichts anderes übrig, ich musste die Wäsche hier aufhängen.“ Sie zeigt auf eine Tür im hinteren Teil des Dachbodens, die Vincent öffnet und sich bücken muss, um ohne eine Beule den dahinter liegenden kleinen Raum zu betreten. „Nichts für lange Menschen“, kommentiert Sophie.

Der Musikstudent

Teil 3
 

Er begutachtet sein neues Zuhause: ein Bett mit einem niedrigen Schränkchen, ein Waschbecken, eine Art Schreibtisch mit Stuhl direkt unter der Dachgaube, ein Schrank an der Wand gegenüber. Ein kleiner Teppich versucht, etwas Wohnlichkeit zu vermitteln, ein Kreuz an der Wand plant, dies zu unterstützen. 
„Toilette und Bad habe ich dir ja schon gezeigt, stell deine Sachen ab, es geht wieder nach unten.“
Er darf einen Blick ins Wohnzimmer werfen, wo das Klavier steht, mustert das Esszimmer und noch einmal die Küche, folgt einem Rundgang über den Hof und durch die Nebengebäude.
„So, das war‘s erst einmal, in einer Stunde sehen wir uns zum Abendbrot. Sei rechtzeitig zur Stelle, der Herr Pfarrer kann Unpünktlichkeit nicht ausstehen. Und stell dich darauf ein, vor dem Essen zu beten. Auch in dieser Angelegenheit wird der Herr Pfarrer bei Missachtung sehr ungehalten. Bis gleich.“
Vincenz öffnet das Fenster in der Gaube, in der Hoffnung, die heiße Luft aus dem Zimmer zu verjagen. Das funktioniert leider nicht. So streckt er sich aufs Bett aus, er will warten, bis es Zeit zum Abendbrot werden wird. Er sehnt sich zurück in seine Wohnung in der Stadt und nach Emma, obwohl, bisher nahm sie von seinem Werben keine Notiz. Er malt sich aus, wie sie seiner neuen Komposition ergriffen lauscht, ein Werk, das er natürlich ihr gewidmet hat. Dabei fallen ihm die Augen zu, die lange Fahrt in dieses Dorf fordert ihren Tribut.
„Vincenz! Los in fünf Minuten gibt es Abendbrot!“ Sophies Stimme reißt ihn aus Emmas Armen.
Nach dem Essen nimmt ihn Pfarrer Hansen noch einmal mit ins Amtszimmer. 
„Anhand Ihrer Vorkenntnisse habe ich einen Lehrplan aufgestellt, an Hand dessen Sie sich in die geistliche Musik einarbeiten werden. Wir beginnen mit der Renaissance und werden in der Reformationszeit enden. Morgen um neun Uhr treffen wir uns an der Dorfkirche, die ich Ihnen kurz vorstellen werde, ehe wir uns an die Gesell-Orgel setzen. Das Instrument wurde im letzten Jahr generalüberholt. In zwei Wochen haben Sie den ersten Gottesdienst hier in der Kirche zu begleiten. Bis morgen.“

Eine Woche später schlendert Vincenz mit einer Tüte Brötchen, die er gerade beim Bäcker des Dorfes erstanden hat, da bremst ein Pickup neben ihm. Die dunkle Scheibe der Beifahrertür fährt nach unten, gibt den Blick frei auf einen jungen Mann ungefähr in Vincenz Alter. 
„He, bist du der neue Student? Ich bin Jonas, der Sohn von deinem Lehrmeister. Kuck nicht so erschrocken, ich lebe schon einige Jahre im Nachbardorf, habe mit dem Alten nicht mehr viel am Hut. Du wohnst da unterm Dach?“
„Na ja, Wohnen passt nicht so ganz.“ Vincenz macht einen Schritt auf das Auto zu. 
„Typisch mein Alter. Der könnte dich ja auch in meinem ehemaligen Zimmer wohnen lassen, aber dann kämst du Sophie zu nahe, deren Tür direkt daneben liegt.“
„Das wusste ich nicht. Ich meine, dass da ein Zimmer leer steht. Das Annäherungsverbot zu deiner Schwester habe ich allerdings schon eingetrichtert bekommen.“
Jonas mustert ihn. „Sag mal, du willst wirklich Musiker oder so etwas werden? Wenn ich dich so anschaue, vermute ich eher einen kanadischen Holzfäller oder einen Footballspieler vor mir zu haben. Aber egal, deine Erscheinung wird manchen Halbstarken aus dem Dorf davon abhalten, dich blöd anzumachen. Kommst du aus der Stadt?“
„Ja, aus der Landeshauptstadt.“
„Da frisst dich doch hier die Langeweile auf, oder? Aber wenn du Bock hast, zeige ich dir am Samstag mal das Dorf und die Umgebung, so aus berufener Hand, versteht sich. Bin so gegen Mittag im Pfarrhaus, du wirst es nicht überhören.“ 
Er klopft auf das Lenkrad. „Okay, also dann: bis zum Wochenende, freu mich.“ Jonas fährt die Scheibe wieder nach oben, winkt und drückt aufs Gaspedal. Mit einem Ruck beschleunigt der Wagen und verschwindet kurze Zeit später hinter der Kurve zum Ortsausgang.
Vincenz schaut auf die Uhr: nur nicht die Orgelstunde verpassen. Auf seinem Zimmer verschlingt er die mitgebrachten Brötchen, wiederholt das gestern Gelernte, eilt zur Kirche und betritt das Gebäude durch den Seiteneingang.
Der Pfarrer spielt auf der Orgel, Vincenz kennt die Musik nicht, vielleicht aus der Renaissance? Er steigt langsam die Holztreppe zur Empore hoch und verharrt auf der letzten Stufe: Sein Lehrmeister hält die Augen geschlossen, das weiße Haar zerzaust wie nach einem heftigen Windstoß. Die knochigen Finger bedienen die Tasten des Manuals. Nur ab und zu drückt ein Fuß auf die unteren Pedale. Leise verhallen die letzten Töne im Kirchenschiff. Vincenz hüstelt kurz. 
„Ah, da sind Sie ja. Das war übrigens ein Stück von di Lasso mit dem Titel: Omnia Tempest Habent. Auf deutsch: Alles hat seine Zeit. Kennen Sie es? Nein? Auf jeden Fall werden wir uns bald damit beschäftigen. Aber jetzt zu Ihren Hausaufgaben, setzen Sie sich an die Orgel und spielen Sie vor, möglichst ohne Fehler.“

Heroes

Das Gästehaus verschwindet im kalten Grün des Morgens, die Reifen meines Autos knirschen auf dem Schotter. Meter für Meter verjüngt sich der Feldweg im Rückspiegel, wird schmaler und schmaler, dann verschwindet er komplett.

Und nichts, aber auch gar nichts kann mehr passieren, das Tor zum Garten bleibt bewacht.

Aber ich war der König und du die Königin.

Am Tage davor, gegen Mittag packte ich meine Sachen, hievte alles in den Wagen, verabschiedete mich von zu Hause und fuhr los. Die Kleine winkte ihrem Papa hinterher. Ich hatte eigentlich keine Lust auf ein Klassentreffen, zumal noch mit einer Übernachtung. Aber diese eine Nacht werde ich auch noch überstehen, sagte ich mir. 

Erst am Abend, nach langer Fahrt in den Westen, traf ich sie alle schon vor dem Haus, das mitten im Wald auf einer Lichtung erbaut wurde. Nur mit Glück hatte ich ich den Feldweg gefunden, entdeckte endlich diesen Wegweiser. Mein Koffer landete auf das Zimmer für die Nacht und bald saßen wir alle auf den Bänken im Garten, aufgeteilt, wie damals in der Klasse. 

Dann loderte ein Feuer auf, jemand rief nach Musik und Bier. Das musste nicht ich gewesen sein. 

Lange Antworten auf die kurze Frage: »Was machst du denn jetzt?« –  an allen Tischen. Dann erlöste uns ein Gewitter vor zu vielen Wiederholungen und wir stürmten den großen Saal im Haus, wo schon die Musikanlage vorglühte. Musik dröhnte durch die geöffneten Fenster in den nassen Wald. 

Können Wildschweine eigentlich tanzen?, fragte ich mich. 

Sogar unsere Klassenlehrerin ließ sich erweichen und schwebte durch den Raum. 

So wie wir beide. 

Erst nach einsamen Luftgitarrensoli entdeckte ich dich. Und du mich. 

Warst du überhaupt in meiner Klasse? Ich verzweifelte an meiner fehlenden Erinnerung.

Aber was interessierte das David Bowie? 

Der Rhythmus von „Heroes“ stampfte sich in unsere Gefühle, lauthals sangen wir alle mit: „We can be heroes ...

Du und ich, wir ahnten da noch nichts. 

Mit einem Mal aber hielt ich dich in meinen Armen, unsere Blicke verschränkten sich. Draußen tanzten wir weiter, Regen lief wie Tränen über unsere Gesichter. 

Bowie sang: „And we kissed ...

Wir beide wussten, dass es nicht sein darf. 

Und nichts würde uns helfen.

Rausch

Die Brüder Johannes und Rainer

Das Taxi stoppt auf dem Dorfanger. Ein hochgewachsener Mann mit einem schwarzen Zopf steigt aus dem Wagen und rückt seinen Stetson weiter in die Stirn. Kaum wahrnehmbar bewegen sich die Gardinen in den Fenstern der umliegenden Häuser. Juan Garcia Alvarez wippt mit seinem Stiefel auf und ab, schaut auf seine Taschenuhr, dessen Deckel in der Sonne aufblitzt. Da braust ein Auto heran, stoppt und ein Mann mit gerötetem Gesicht zwängt sich hinter das Lenkrad hervor.

„Herr Alvarez?“

„Ja. Und Sie sind Makler Hämmerling?“

„Richtig, steigen Sie bitte ein.“

Der Stern auf der Motorhaube führt sie über einem Bach und an der Dorfkirche vorbei. Sie passieren einen Bauernhof, dessen erloschene Fenster in den frühen Morgen starren. „Was ist denn mit dem Hof geschehen?“ Juan Garcia dreht sich um.

„Ach, das ist eine traurige Geschichte, kaufen können Sie das Anwesen leider nicht, der Erbe wird noch gesucht, der lebt irgendwo im Ausland.“

Zwei Stunden später unterzeichnet Juan Garcia Alvarez den Kaufvertrag für das letzte Haus oben an der Kammstraße. Der Blick auf das Dorf wischte seine Bedenken beiseite.

 

1983, Sommerferien Braunbach. Der Geruch frisch gemähten Grases erfüllt die Morgenluft. Die Wärme der frühen Sonnenstrahlen geben schon einen Vorgeschmack auf die Hitze des Nachmittags. Die Brüder, Johannes und Rainer, schauen von der Weide am Hochwald hinunter auf ihr Dorf, dessen Geschäftigkeit bis hoch zu ihnen schallt. Der Jüngere der Beiden, Rainer, zeigt auf die Höfe und Häuser. „Von hier aus ...“ Aber weiter kommt er nicht. Wie aus dem Nichts rast ein Sirren über sie hinweg, zerfleddert seine Worte und endet in einem ohrenbetäubenden Röhren. Dann schießt der Nachbrenner die Phantom II in die Stille des Morgenhimmels. Wie ein Abschiedsgruß legt sich eine schwarze Rauchfahne über die Fichten des Hochwaldes. „Diese verdammten Flieger!“ Rainer nimmt seine Hände von den Ohren. „Was ich sagen wollte. Von hier oben erinnert mich das Dorf an eine Modelleisenbahn, so wie sie Pfarrer Hansen aufgebaut hat. Nur die Schienen fehlen.“ Er grinst. „Aber sag mal, willst du wirklich Ingenieur werden, ich mein, so richtig vom Dorf weggehen?“ 

Johannes, groß für sein Alter, streicht seine schwarzen Haare hinter die Ohren. „Ja, klar. Ich muss raus aus diesem Kaff, weg aus dem Hunsrück und ab in die weite Welt, wo es nicht nur Kühe, Schweine und Traktoren gibt. Und die Monika vom Wagnerhof kommt mit, das hat sie mir gestern in der Scheune versprochen.“

Rainer springt auf, spuckt einen Grashalm im hohen Bogen auf die Wiese. „Nee, ich bleibe hier im Dorf, ich werde Bauer auf unserem Harderhof, so wie Papa einer ist. Und die Monika wird meine Bäuerin!“

 

1987, Dorffest Braunbach. Rainers Faust trifft Johannes voll ins Gesicht, er taumelt und fällt direkt in das hochschnellende Knie. Unter Schlägen sinkt er in das aufgeweichte Gras des Dorfangers, schützt den Kopf mit seinen Händen vor weiteren Tritten. Nur mit äußerster Kraft schafft es Monika, Rainer davon abzuhalten, wie irrsinnig auf seinen Bruder einzutreten. Dabei herrschte zunächst eine heitere Stimmung, die Leute erzählten und genossen ihr Bier, nur die Jugendlichen fanden kein Maß. Darunter auch die beiden Brüder. Zuletzt trinken sie Schnaps. Da küsst Monika Rainer und Johannes rastet aus. Er schlägt nach dem Rivalen, mit dem Ergebnis, dass er jetzt blutend im Morast liegt. Lehrer Hoffmann schleppt ihn in die Toilette des Dorfkruges, hält ihn aufrecht, um sich das Blut und den Schmutz aus dem Gesicht zu waschen, bringt ihn dann nach Hause auf den Hof. „Ja, ja, ich habe es verstanden! Sie gehört jetzt zu ihm, will auch Bäuerin werden, dass ich nicht lache!“ Johannes Gedanken rasen. „Alles war Lüge, Lüge und nochmals Lüge: ihre Versprechungen, ihre Küsse, ihre Zärtlichkeiten in der Scheune.“ Er wirft sich aufs Bett, vergräbt sein zerschundenes Gesicht in das Kopfkissen. Spät am Abend verlässt er sein Zimmer und läuft die Kammstraße hinauf bis zu einem Rohbau, der am Ende der Straße errichtet wird. Dort findet er einen Platz in einer offenen Fensterhöhlung und schaut hinunter auf das friedlich daliegende Dorf. Auf dem Berghain gegenüber lodern die Fichten auf dem Kamm wie im Feuer auf, dann steigt die Sonne in das Tal dahinter. Johannes springt von der Brüstung. Schon in der Nacht wird er das Dorf und das Land verlassen.

2014, Harderhof Braunbach. Die Air-Force hat vor einigen Jahren den Hunsrück aufgegeben. Kein Grollen tieffliegender Kampfjets mehr, dafür die Trostlosigkeit leerer Hangars und Kasernen. Rainer greift nach der Flasche Korn, die neben ihm auf ihren trostspendenden Einsatz wartet und die Holzbank ächzt unter dem Gewicht von Mensch und Alkohol. In einer Ecke des Hofplatzes streckt ein Pflug seine verrosteten Schalen in die Höhe, ein paar tapfere Ringelblumen im Bauerngarten stemmen sich der vorrückenden Front aus Brennnesseln entgegen. Im Flur des Hauses schlägt eine Standuhr die zwölfte Stunde. „Morgen werde ich das Ding nicht mehr aufziehen, wozu denn noch?“ Er nimmt den Brief, der neben ihm auf der Bank liegt. „An meinen Bruder Johannes, Aufenthalt unbekannt“. Mit zittriger Hand schrieb er diese Zeilen direkt nach dem Aufstehen, bevor er die heutige Flasche öffnete.

Ende September findet ihn der Dorfpolizist tot am Küchentisch, vor sich seine Worte an den Bruder.

 

2017, Haus auf dem Kamm, Braunbach. Die erleuchteten Fenster in den Häusern des Dorfes erzählen das nimmermüde Märchen von Frieden und Eintracht hinter ihren Gardinen. Fast ein Jahr lebt Juan schon hier oben auf dem Hang, aber die Menschen da unten meiden ihn, so gut es geht. Wie immer an einem Mittwoch erreicht ihn der Telefonanruf aus Mexiko, sein Kompagnon teilt ihm den Stand der Geschäfte mit. Da zersplittert Glas in der Küche, deren Fenster zum Berghang zeigt und etwas Schweres poltert auf den Fliesenboden. Juan wirft den Hörer in einen Sessel, rennt los, aber zu spät: von dem Täter keine Spur. Vor der Spülmaschine liegt ein Pflasterstein, umwickelt mit einem Papier. Er liest: „Hau endlich ab! Typen wie dich, die nach unseren Mädchen und Frauen geifern, dulden wir nicht in unserem Dorf. Geh zurück in deinen Urwald, du Affe! Letzte Warnung.“

„Diese Blödmänner! Schon das dritte Mal!“ wieder klebt er ein Stück Pappe vor das Loch in der Scheibe. „Es wird schon aufhören, wenn ich endlich loslegen kann.“  Er ruft den Glaser in Idar an.

 

2018, Haus auf dem Kamm, Braunbach. „Post aus Mexiko!“ Der Briefträger hält ihm ein Einschreiben entgegen und versucht dabei, einen Blick in die Wohnung zu erhaschen. „Bitte unterschreiben Sie hier.“

Sofort erkennt Juan den Absender. „Der Scheck aus Mexiko-City, endlich. Jetzt kann es losgehen.“ Morgen früh will er den Ortsvorsteher aufsuchen. „Unser Dorf soll schöner werden“, wird er zu ihm sagen.

Nach einem ausgiebigen Spaziergang bis hinauf zu der Weide am Hochwald, kehrt Juan müde in sein Haus zurück. In der Dämmerung erhebt sich ein starker Wind, der heftig an den Fenstern rüttelt. Er entzündet ein Feuer im Kamin und holt eine Flasche Tequila aus dem Vorratsraum, die er für Gäste, die nie kamen, dort aufbewahrt hatte. „Auf den Erfolg! Auf die Zukunft von Braunbach!“ Er trinkt ein Glas, nimmt den Brief, der ihn vor zwei Jahren in Mexiko-City erreichte und setzt sich auf die Couch:

An meinen Bruder. Ich weiß nicht, wo Du jetzt wohnst oder ob Du überhaupt noch lebst. Wirst Du jemals zurück in unser Dorf kommen? Ich schreibe Dir am frühen Morgen, bevor mich der Teufel Alkohol wieder in seinen Kralle bekommt. Wie jeden Tag. Monika ist schon lange fort, abgehauen mit einem Ingenieur aus Idar-Oberstein. Jetzt wirst Du auflachen und denken: Das Leben ist doch gerecht. Aber mich hat es zerbrochen und ich ahne, dass ich nicht mehr viel Zeit habe, die mir hier auf dem Bauernhof verbleibt, den mir Papa einst stolz übergeben hat. Ich kann es kaum erwarten, dieses Jammertal zu verlassen. Dann wird alles Dir gehören, Johannes. Du wirst mich auf dem Friedhof finden, neben Mama und Papa. Ich würde gern ungeschehen machen, was damals auf dem Dorffeste geschah. Warum konnten wir beide nicht wie Brüder unseren Streit um Monika lösen? Ich hoffe jetzt, dass Du mir verzeihst. Ich schreibe diesen Brief, um Dir aufrecht in die Augen zu schauen, wenn wir uns einmal wiedersehen, wahrscheinlich aber nicht mehr in dieser Welt. Rainer.

Johannes legt die Seiten beiseite und wischt sich die Tränen ab. Der Schnaps betäubt seinen Schmerz, immer wieder, bis Juan völlig betrunken auf den Boden vor das Sofa rutscht und einschläft. 

Nach einer Stunde bricht im Feuer die Holzfaser eines Scheits mit einem lauten Knacken und schleudert glühende Holzteilchen auf den Papierstapel neben dem Kamin. Zehn Minuten später läutet die Feuerglocke im Dorf.

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